Marius No. 1 - Immer noch die volle Kontrolle! (Backspin)
Seine Radiosendungen "Kopfhörer", damals auf NDR 1, oder "Black Traxx" auf NDR 4 sind für viele schon vor mehr als 10 Jahren zu einem Lichtblick in der Radiolandschaft geworden. Als Produzent von Cora E konnte er sein musikalisches Geschick auf verschiedenen Tonträgern bereits Anfang der 90er der Öffentlichkeit demonstrieren und die Zahl der Partys und Jams, die er zum kochen brachte, geht ins Unendliche. Die Rede ist von DJ Marius No. 1. Ob als DJ oder als Produzent, ob mit oder ohne Rap, ob als Remixer oder als Kopf seines eigenen Labels Chiefrocker Records - der Mann hat, wie vor vielen Jahren seine damalige musikalische Partnerin schon sagte, die volle Kontrolle. Dies beweißt uns der nunmehr 30jährige Idealist einmal mehr mit seiner kürzlich auf Chiefrocker Records erschienenen Instrumental Platte "Owner´s Manual". Backspin traf Marius in seinem Heimfelder Hauptquartier, um in Erfahrung zu bringen, was ihm an der deutschen Raplandschaft aufstößt und warum er es weiter vorzieht, sein eigener Herr zu bleiben.
BACKSPIN: Wie kommt es eigentlich dazu, dass jemand wie du, mit einem Namen wie deinem, immer noch alles eigenständig macht? Ich meine, das Gespenst Major-Label hat sich doch inzwischen erledigt.
Marius: Nach allem, was ich festgestellt habe, sieht es in diesem Land immer noch nicht so aus, dass die Label auf die Künstler zukommen. Es geht doch schon damit los, dass ich als DJ bei den Radiopromotern der Label anrufen soll, damit ich in deren Radioverteiler komme. Der Typ fragt mich dann, wer ich bin, was ich beim Radio mache usw. Dabei müsste er doch die wenigen Sendungen kennen, in denen überhaupt so etwas wie Rapmusik gespielt wird. Da frage ich mich doch, ob es mein Job ist, deren Arbeit zu machen. Genauso verhält es sich mit den Labeln. Die sollten sich doch darauf konzentrieren, dope, potenzielle Künstler zu finden, statt darauf zu warten, ein Demo zugeschickt zu bekommen, was dann doch nicht angehört wird. Aber sie müssen leider erst zehnmal von einer Gruppe hören, bevor sie ein Auge darauf werfen.
Und wie stehst du zu den vielen Independent-Labeln?
Das ist eine gute Sache.
Es ist ja nicht damit getan, Musik zu machen,sie pressen zu lassen und dann mit einem Kofferraum voller Platten wieder vom Presswerk nach Hause zu fahren.
Das ist wahr. Als ich das erste Mal von Looptroop aus Schweden gehört habe, sind die mit einem Auto voller Platten durch Deutschland gefahren. Sie haben die Läden besucht, in denen die Platten stehen, die sie selber hören und haben sie dort verkauft. Das ist für mich der Ansatz, der mich am meisten beeindruckt. Natürlich muss es nicht immer so sein, und die Idealvorstellung sieht natürlich auch anders aus. Aber bevor ich meine Musik nicht veröffentlicht bekomme oder ich sie ändern müsste, damit etwas passiert, nehme ich lieber alles selbst in die Hand. Schließlich muss es nach meinen Vorstellungen laufen, sonst wäre es nicht von mir.
Wirst du denn deine neue Platte auch nach diesem Prinzip verkaufen?
Ja, im Prinzip schon. Allerdings werde ich einen Teil an Groove Attack verkaufen, ein anderer Teil geht an verschiedene Mailorder etc. Das könnte bei vielen anderen auch so laufen, nur halten die meisten Leute es für völlig indiskutabel, selber eine Platte zu pressen. Jungs, ich sage euch, eine beschissene Auflage von 1000 Stück kostet gerade mal 3000 - 4000 Mark! Du kriegst schon 500 Scheiben für die Klamotten, die du trägst! Aber dann rumrennen und sich über einen Deal mit einem Indi-Label beklagen, bei dem man 20 Pfennig pro Platte bekommt. Ich will mindestens 2 Mark pro verkaufter Platte haben, wenn nicht sogar mehr.(lacht)
Ich denke, der Grund für diese Entwicklung liegt darin, dass das Ganze so sehr explodiert ist. Viele reden nur noch von Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten sind nun einmal mit Kosten verbunden.
Was kostet denn bitte so viel Geld
Sagen wir, du hättest 1992 eine Platte mit deinem Equipment von damals gemacht und sie auch verkaufen können. Aber ginge das heute genau so? Ich meine, der Anspruch ist doch gestiegen, und um qualitativ hochwertige Sachen zu haben, braucht man einfach Geld.
Ich habe schon immer meine Musik mit meinem eigenen Equipment gemacht. Man kann ja sogar mit 2 Plattenspielern und einer Bandmaschine eine Platte machen. Sie klingt dann aber auch danach. Aber diesen Mut, Produktionen herauszubringen, die nach dem eigenen Equipment klingen, den muss man natürlich erst mal haben. Das ist die Voraussetzung. Warum muss eine Produktion aus irgendeinem Dorf so klingen, als käme sie direkt aus New York? Sie kann doch trotzdem dope sein. Für mich wäre das OK, solange man schnallt, dass jemand die Skills hat und nur nicht das Equipment. Besser, als wenn man hört, dass das Equipment da ist, aber nicht die Skills.
Glaubst du, dass es in Deutschland überhaupt darauf ankommt, dass man Skills hat?
Es kommt mir teilweise so vor, als wären Skills ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad sogar hinderlich. Im Augenblick empfinde ich es oft so, als wenn durch das Weglassen von Qualität Massenkompatibilität geschaffen wird. So verschafft man sich nach der Ballermann-Gassenhauer- Mentalität ein riesigen Pool von Hörern. Die Label freuen sich, und die Bands können endlich auf jedem Rock und Hackisack - Festival spielen, auf denen mit Hip Hop eigentlich nichts geht. Aber die Festivals brauchen ja ein Hip Hop-Zugpferd für die Leute, die Rap vom Bravo-Sampler her kennen und noch nie etwas von Bands wie z.B. den Dialated Peoples gehört haben. Und um da hinzukommen, sind doch Skills nicht immer gerade förderlich, oder? Ein Video wird niemals eine geile Liveshow ersetzen können. Die Idioten kennen halt häufig nur die Videos und wissen nicht, was Live- Hip Hop ist.
Diese Live-Geschichte ist ohnehin ein interessanter Punkt. Live ist der Sound oft nicht der beste. Das macht es ja teilweise noch schwieriger, die Skills überhaupt richtig zu würdigen.
Je schlechter die Sound-Voraussetzungen sind, um so mehr achte ich doch auf Skills und Beherrschung der Technik. Ich meine, wenn der Sound schlecht ist, dann kann man doch sehen, ob die Gruppe, die gerade auftritt, auch gut ist. Man muss wirklich etwas können, damit die Show überhaupt noch zu ertragen ist. Live zu spielen bedeutet doch, die Magie des Augenblicks zu nutzen und die Bedingungen der Situation einfließen zu lassen. Anders gesagt heißt das: Je weniger Skills ich habe, desto wichtiger wird der Sound. Denk mal drüber nach. Da wird dann schnell bei einer Tour jeden Abend derselbe Witz gemacht. OK, es ist halt einerseits professionell, aber mit "live" hatdas immer weniger zu tun. Und sobald man die Show ein zweites Mal sieht, geht die Magie für den Zuschauer doch verloren. Nur wer immer die gleiche Show macht, muss sich über den sogenannten Gebietsschutz Gedanken machen.
Das ist mir im letzten Jahr bei vielen Shows aufgefallen.
Es kickt die Leute eben nur ein zweites Mal, wenn es wieder etwas Neues ist.(Never as good as the first time?) So sollten DJs einfach immer wieder etwas Neues aus ihrer Kiste holen. Freestyle ist dafür eine hervorragende Sache und daher für mich auch die Königsdisziplin des Raps.
Es kann aber auch die schlimmste sein.
Ja,wenn man die falschen Leute freestylen lässt - natürlich. Alles, was übertrieben lang wird ,ist immer furchtbar. Sorry, aber wenn z.B. ein DJ die ganze Zeit nur Backspins macht, kann das natürlich auch furchtbar sein. Das Schwierigste war schon immer zu wissen, wann man aufhören muss. Das ist aber wiederum keine Entschuldigung, gar nicht erst anzufangen.
Siehst du dich eigentlich als jemand, der die neue, aufstrebende Generation unterstützen will, um einen Umschwung zu erreichen? Ich frage deshalb, weil bei dir oft durchklingt, dass der Zustand im Moment nichts für dich ist.
Ich sehe mich lieber als Sprachrohr derer, die unbekannt sind, etwas drauf haben, es aber nicht wirklich zeigen können, als dass ich die unterstütze, die bekannt sind, aber nichts können. Das ist für mich das Urprinzip von Hip Hop. Ich stehe eben auf rau, rar und roh, nicht auf geleckt, kindisch, übertrieben promotet und dadurch erfolgreich. Ich meine, je mehr ich für mein Produkt werben muss, desto mehr Angst habe ich , es würde sich ohne Werbung nicht genug verkaufen. Oder ist es nicht so, dass sich die guten Dinge alleine durchsetzen können?
Heißt das, dass der kommerzielle Anspruch der Musik geschadet hat? Oder, anders gefragt, würde Rap deiner Meinung nach wieder besser, wenn es diesen neuen, großen Markt nicht mehr gäbe?
Es wird doch heute nur noch sehr wenig für die echten Heads oder DJs produziert. Stattdessen biedert man sich bei der jungen, kaufwütigen Masse an. Die werden vieles auch bestimmt ganz toll finden, aber die Heads werden es doch schon nach dem 2.Mal nicht mehr hören wollen, weil sie merken, dass sie eigentlich etwas anderes suchen. Ich jedenfalls möchte in die Musik eintauchen können. Sie muss tief wie ein See sein, so dass ich den Grund nicht sehen und deshalb einfach reinspringen kann. Nur ist der See inzwischen so flach geworden, dass man den Grund schon sieht. Manchmal kommt es mir beim Hip Hop so vor, als wenn er ein großer, flacher See wäre, der sich zwar immer weiter ausbreitet, aber dadurch immer flacher wird. Ursprünglich war es eben nur ein kleiner See, in den wir uns dafür aber noch getrost hineinfallen lassen konnten. Heute kann man sich häufig leider nur noch mit Vorsicht hineingleiten lassen, da man sich ansonsten wegen mangelnder Tiefe einen Schädelbasisbruch zuziehen würde.
Aber was hat denn für dich die Tiefe ausgemacht?
Die Tiefe bestand in der Eigenheit der Künstler. Sie ist so etwas wie der eigene Weg, der für jeden anders ist. Heute gehen fast alle den gleichen Weg. Alle haben die gleichen Vorbilder, die gleichen Label und featuren sich gegenseitig im Kreis.
Und wo siehst du deinen Weg? Wie wirst du dich da durchkämpfen?
Ich werde weiterhin kontinuierlich das machen, was ich will. Ich bin am besten, wenn ich niemanden habe, der mir sagt, was zu tun sei. So kann ich alleine bestimmen, wann ich wie und vor allen Dingen was ich rausbringe. Im Augenblick mache ich daher eher Instrumentals. Danach kommen erst die Rapper. Ich habe bei den Platten immer mehr auf den Beat ,anstatt auf den Rapper geachtet. Heute ist aber auf einmal der Rapper am wichtigsten, weil er für viele nicht Aktive das Einzige ist, was von ihnen begriffen werden kann. Instrumentals kann ich mir viel öfter anhören als einen Song, der durch den Rap festgelegt ist. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass ich keine Sachen mehr mit MCs machen werde.
Aber wie wird dein Weg denn nun konkret aussehen?
Ich persönlich werde natürlich weiterhin als DJ Platten auflegen und versuchen, meine Fähigkeiten weiter auszubauen. Ich lerne ständig dazu und mein Ziel ist es, immer besser zu werden. CHIEFROCKER wird kontinuierlich weiter veröffentlichen und zeigen, dass Vinyl kein Promotion-Gag ist, um CDs zu verkaufen, sondern das Medium, auf dem Hip Hop passiert. Es geht mir nicht darum, mich für die nächsten 5 Jahre auf jemanden festzu- legen, aber wenn jemand gerne mit mir zusammenarbeiten möchte, dann freue ich mich natürlich immer über Demos oder Anfragen. Heute kommen doch Bands raus, die noch vor ihrer ersten Veröffentlichung einen Vertrag aber 3 bis 4 Jahre abschließen, was nicht selten schon ihre gesamte musikalische Laufbahn sein wird. Das muss aber nicht sein und ist meines Erachtens nicht schlau. Wenn ich das mal gemacht hätte, dann würde ich heute wahrscheinlich heute keine Lust mehr haben Musik zu machen. Denn wer kann heute wirklich noch tun, was er will? Andere müssen sich neue Namen geben oder gar ihre Band auflösen, weil sie so tief in ihren Verträgen stecken, dass es nur durch diesen Trick geht. Das werde ich niemals machen. Ich werde mein ganzes Leben lang Marius No.1 sein.
Hast du denn noch ein abschließendes Statement?
Ich wünsche mir, dass die Leute ihre Ohren offen halten und den Mut haben, Dinge nach ideellen Kriterien zu bewerten. Gerade Zeitungen sollten doch wissen, dass man Produktionen, die von riesengroßen Firmen gemacht werden, nicht mit dem selben Maß messen kann wie Produktionen, die von einzelnen Crews alleine durchgezogen werden. Wer eine Platte, die von jemandem in Eigenregie veröffentlich wurde, im selben Atemzug mit einem Major-Produkt bespricht und nicht guckt, wo es herkommt, wird sie nicht gerecht beurteilen können.
|
 |
Diskografie

Interviews

Fotogalerie

|