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Marius No.1

DJ Marius No.1 - Der CHIEFROCKER im Interview mit 'Breakbeat'

In der letzten Zeit war es ja ein wenig ruhig um Dich. Erzähl doch bitte erst mal unseren Lesern, die Dich noch nicht kennen, was Du früher so gemacht hast.

Es war nicht in letzter Zeit ruhig, sondern eigentlich nur noch nie so richtig laut um mich. Den Drum & Bass und Jungle Hörern wird mein Name vermutlich weniger sagen, den Hip Hop Heads dagegen hoffentlich mehr. Jetzt in einer Zeit in der jeder über Hip Hop schreibt, als wäre es selbstverständlich, denken vermutlich viele, alle wichtigen Schlüsselfiguren der Szene seien Rapper, wenn nicht das, dann wenigstens die Djs der bekanntesten Rapcrews, am besten noch Manager oder A&Rs oder ...


Um mit diesem Schwachsinn aufzuräumen geb' ich z.B. gerade dieses Interview. Heute schafft es der Programmdirektor von jedem ach so kommerziellen Privatsender, mehr Meinung über Hip Hop zu machen als "die Szene" selbst. Ich habe das Gefühl, daß je größer alles wird, um so weniger Meinung wird vertreten.

In Berührung mit Rapmusik kam ich ca. '81 durch meine große Schwester, die ca. 10 mal am Tag "Rappers Delight" gehört hat. Bei einer Länge von knapp 15 Min ist das eine echte Leistung. Das war mein erster Raptext, den ich auswendig konnte, und das obwohl ich kein Wort englisch verstand.

'82/'83 hab ich eine Reportage über sog. "Breakdancer" in New York gesehen und fing an zu tanzen, '84 war Graffiti voll mein Ding.1985 habe ich dann meine erste und letzte S-Bahn gemalt und schon meine eigenen Tapes gemixt. So war ich dann 1988 der DJ von Hamburgs erstem Rap-Club "Defcon 5". Dadurch hab' ich meine Radiosendung beim NDR bekommen, erst "Kopfhörer" bis 1995 und dann, bis heute "Black Traxx" auf NDR 4.

Alle 2 Wochen Donnerstags 22.05-23.00Uhr ein Tip für alle die erst seit gestern Rapmusik hören... Von '91 bis '94 war ich DJ und Produzent von Cora E, hab'n paar remixe gemacht (Tobi&Bo, Too Strong, Main Concept...) und habe jetzt mein eigenes Plattenlabel CHIEFROCKER Rec.


Nachdem Cora ihren Majorvertrag unterschrieb, brach ja Eure musikalische Zusammenarbeit. Was denkst Du nun mit ein wenig Abstand, über ihren Werdegang, wie z.B. die Liason mit Moses P., oder was denkst Du, wenn Du sie nun z.B. mit einer Zigarette auf der Bühne siehst?

Ich bin nach wie vor der Meinung, daß Coras Niedergang fast wie vorprogrammiert war. Nachdem ich feststellen mußte, daß Cora sich ihren Weg durch die Großindustrie eigentlich ohne mich bahnen wollte, war für mich die Sache völlig klar. Entweder man geht zusammen, und das gleichberechtigt, oder gar nicht.


Viele Bands spalten sich an diesem Punkt. Es sind oft nicht die schlechteren, die im Underground bleiben, sie wählen nur oft den härtere Weg ihr Geld zu verdienen. Diese Härte hat man oder nicht.

Mit wem Cora zusammen war ist mir eigentlich schon immer egal gewesen, nicht ich war mit Moses zusammen, sondern Cora. Was soll ich dazu sagen? Frag Cora selbst, oder Moses... Cora hat früher ihre Position als Vorbild wahrgenommen, was damals keiner wollte. Jetzt wollen alle auf Cora rumhacken, weil Sie öffentlich Zigaretten raucht.

Wie mutig, in einer Zeit, in der Rap so tut, als ob Vollrausch und Delirium-Kiffen eine Hip Hop Disziplin wäre. Ich persönlich hab vor kurzer Zeit aufgehört zu rauchen. Habt Ihr eigentlich Alkohol und Tabakreklame in Eurem Heft? Nächste Frage...


Du selbst bist ja mehr für den rauheren und dreckigeren Sound bekannt. Was verbindet Dich denn mit der Stadt Hamburg, die in den Medien und in den Köpfen der breiten Masse mit Mainstream-Acts wie *****, Absolute Beginner usw. assoziiert wird?

Hamburg ist einfach mal der schönste Platz auf der Erde. Meine Heimat. Egal wo ich war, ich wollte immer spätestens nach einer Woche nach hause. Ich komme aus Süd-Hamburg, aus Heimfeld. Hier traut sich normalerweise eh keiner der Mainstreamer her (Ha Ha Ha ).

Die haben hier so wieso nichts zu tun, denn hier stehen eigentlich alle auf den rauhen und dreckigen Sound. So gesehen tue ich nur schon immer, was alle hier jetzt tun, ich suche nach allem, was rauh, rar und roh ist. Was Du über ***** oder die Beginner sagst, verstehe ich zwar, aber ich kenne die nun schon seit ewig, "Das Bo" hat bei mir im Studio schon gerappt, als die Welt die restlichen *** noch gar nicht kannte, nämlich "Es Ist Zeit Sich Zu Wundern". Leider hat das Label die Credits auf der Platte vertauscht, so daß nicht klar wurde, daß das beschissene Accapella natürlich nicht von mir war.

Mit Cullmann bin ich schon 87 zum zugucken nach London zur DMC DJ Weltmeisterschaft gefahren, den kenne ich eigentlich am längsten, von allen Hamburgern, die man auch außerhalb von Hamburg kennt.

Eißfeld erinnere ich noch mit seinen Dreads, Mardin war ihr bester Rapper und Mad hat Hakenkreuze auf der Bühne zersägt... Die Zeit geht weiter und jeder macht was er will.


Erzähl uns doch auch mal was über die Hamburger Szene. Die "Großen" werden täglich von den Medien beleuchtet, was ist denn mit den "Kleinen"?

Hamburg ist da einfach überhaupt keine Ausnahme. In jeder großen Stadt in Deutschland läuft das gleiche Drama ab. Es gibt 2-3 Bands die jeder kennt und 20 bis 30 die einfach nicht aus ihrem Keller rauskommen. Das ist sehr schade hat aber meines Erachtens meist die gleichen Gründe.

Viele von denen treffen sich einmal die Woche zum Freestylen und Session machen, wie es die "Großen" gerne noch machen würden, aber leider keine Zeit mehr haben. Bei diesen Sessions kicken sie dann Reime, auf die "die großen" nie mehr kommen würden, sie können sich dann leider aber am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern, weil sie einfach zu breit waren (HaHaHa).

Genau das ist das Glück der "Großen" und deshalb bildet sich bei ihnen diese Arroganz, die wiederum die "kleinen" so sehr hassen. Frustriert machen sie dann auf "groß", um sich Gehör zu verschaffen. Weder die "großen" selbst, noch die Management - Maschienerie der "Großen" ist aber, entgegen ihrer Beteuerungen, wirklich daran interessiert die "Kleinen" zu "Großen" zu machen, weil dann ja die "Großen" nicht mehr groß wären. Konkurrenz stört also das Geschäft...

Zumindest das der "Großen", hier liegt die Power der "Kleinen". Ist Euch mal aufgefallen, das auf höchster Hip Hop Ebene sich alle eher verstehen, wo sie sich eigentlich hassen müßten, während sich sogar die einzigen 2 Crews in Dorf "hastunichgehört" bekämpfen, obwohl sie viel besser daran täten, sich zu verstehen? Die "Großen" batteln also die "Kleinen", warum batteln sich die Kleinen da noch gegenseitig?

Ich sage all diesen Crews, wartet nicht auf irgend jemanden, der Euch „groß“ macht. Macht Euch gegenseitig selber bekannt, ohne „auf groß“ zu machen, sondern feilt an Euren Skills, das macht wirklich größer, Stück für Stück und Ihr werdet niemals „groß“... Lasst Euch von niemanden, sei er noch so mächtig oder wichtig sagen ihr könnt nichts, nur weil ihr die Dinge anders macht als „die großen“, denn macht Ihr alles wie die, will das erst recht keiner hören. Ich übrigens auch nicht...Tja das ist die quintessenz aus Hip Hop und Style für Marius No.1(lacht)...


In Zeiten in denen Klamotten in der Hip Hop Kultur immer mehr an Bedeutung gewinnen, manche Crews sogar eigene Marken entwerfen, und...Bla bla du weißt...

Ich glaube Du vermischst da ein paar Dinge. Wer mißt Klamotten immer mehr Bedeutung zu? Doch nicht die Kultur!!! Der Writer und die Mode??? Der Tänzer und Mode??? Der DJ und die Mode??? Was soll denn das sein? Hassmaske mit rosa Punkten? Headspincap von Fischbone? Meine neuen Sneakers von Monacor??? Sorry, aber das ist ja nun wirklicher Schwachsinn.

Dein Lieblingsrapper hat einen Sponsoringvertrag mit der Firma, die am meisten dafür gezahlt hat, das ist richtig! Diese Firma kauft sich darüber die „Credibility“ von ihm, bei den Kids die nicht nachdenken und daher nicht schnallen, daß sie nicht besser rappen wenn sie die neusten „Rap-Klamotten“ tragen, das ist richtig. Aber mit realness hat das ja wohl wenig zu tun.

Achte mal drauf, diejenigen die am lautesten „Realness“ und „Credibility“ schreien haben meist am wenigsten damit zu tun. Im Hip Hop definiert man sich über das Können, was keine dieser Firmen bis jetzt anbieten kann. Ansonsten ist mein Vadder der coolste Styler, weil er die derbste „Workwear“ trägt die ich kenne, aber das ist ein anderes Thema....(Lacht)

Ich bin ehrlich gesagt so motiviert wie noch nie, mache jeden Tag einen derben Beat, auch wenn ich im Augenblick mich vom Rap-Aspekt im Hip Hop immer mehr entferne. Mein Hip Hop kann jetzt auch mal auf Rap verzichten.

Die Gründe habe ich ja hier schon zur Genüge angesprochen, im Übrigen geht das nicht nur mir so, wenngleich ich hier sicher einer der ersten war, der keinen Bock mehr auf dieses inflatiöse Deutschrap-Zeug hatte. Zum zweiten Teil Deiner Frage: Die Kinder mögen wohl eher den Clown, Erwachsene fühlen eher den Teacher. Ich lass mich weder zum einen, noch zum anderen machen. By the way, nicht mein Zeigefinger ist erhoben, sondern mein Mittelfinger, babeee!!! Ahn ma’.


Deine neue Platte wird „Beyond Recognition“ heißen. Was können wir davon erwarten? Wird es eine reine DJ-LP werden, wirst Du MC’s featuren?

Der Titel hat sich schon wieder geändert. Als mir die Idee für das Cover kam, war der Titel „Owners Manual“ einfach viel logischer.

Ein Song auf der LP heißt Beyond Recognition, weil hinter dem, was man glaubt zu hören einfach noch eine andere Ebene an Sound ist. Das Cover ist gänzlich gestaltet wie die Bedienungsanleitung von der SP1200. Das ist ein alter 12-Bit Sampling- Drumcomputer von EMU, entwickelt ‘87, die Mutter des Hip Hop Samplings schlechthin (BDP/ Marley Marl/ Pete Rock / Ultra Magnetic/ Showbiz/ usw) da passen nur 10 Sekunden rein. D.h. Du mußt dich echt entscheiden was Du willst, so mit „ja... hier noch mal 8 Takte von Bla Bla und noch mal die 10 Drumloops von dieser Hip Hop Sampling CD“ ist nicht.

Sicher ist meine LP gerade für die DJ’s gemacht, wie alle Platten auf CHIEFROCKER Rec., halt von DJs für DJs, aber eben auch nicht nur für diese. Es ist eine Scheibe, gerade für die MC’s, weil sie größtenteils Instrumental gehalten ist. Als Highlight gibt es eine kurzversion aller Beats mit Scratchen von Mirko Machine, real DJ Real und DJ Stylewarz, das ist nur das derbste... Beats, cuts + Scratchtools. What more can i say?


Du sprichst ja auch von Dingen, die wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Das klingt alles ein wenig mystisch. Hast Du auch eine etwas "andere" Lebenseinstellung oder beziehst Du so etwas nur auf Deine Musik?

Ich weiß zwar nicht genau, was Du mit "anderer" Lebenseinstellung meinst, aber ich probier Dir mal meine "Lebensanschauung" zu erläutern. Hip Hop ist und war eine Nischen-Kultur.

Das was viele dafür halten, ist nicht das was es ist. Ich bin zu der Meinung gekommen, daß hinter dem was wir begreifen, oder sehen sollen, noch eine andere Wahrheit steckt, die nur durch viel mühe und mit List zu entdecken ist. Das wiederum diese versteckte Wahrheit sich oft mit der offensichtlichen, nach außen gelebten, widerspricht ist der Grund dafür, daß es sich meist doch lohnt tiefer in eine Materie einzudringen, als einem von außen nahegelegt wird. Frei nach Curse würde ich das so sagen "Du willst in unseren Club, doch Du kennst nicht das Passwort, aber gerade wenn Du erst das Passwort kennst, willst Du unter Umständen gar nicht mehr in den Club."

Ich weiß, das es genug Menschen gibt die schon lange nicht mehr zufrieden sind mit dem, was ihnen hier bei uns als Hip Hop angeboten wird, das es sich lohnt, nicht gefallen zu wollen.

Nicht umsonst entfernen sich mehr und mehr Leute aus dem Geschehen und alle klagen über das "Junge Publikum". Aber Musik für Erwachsene, will keiner machen. Nur der Künstler, der seine Kunst nicht nach "gefallen wollen" ausrichtet, hat echte, mündige Fans, die auf die Kunst an sich abfahren und nicht auf ein Klischee.


Was können wir denn sonst in Zukunft von Dir erwarten? Legst Du in nächster Zeit mal wieder häufiger auf und gibt es noch Deine Radiosendung?

Erst mal gibt es, wie schon erwähnt, ab Anfang Februar meine "Owners Manual" LP auf CHIEFROCKER Rec., demnächst bei Euch in den Läden, mit einem Scratch feature von DJ Mirko Machine, real DJ Real und DJ Stylewarz (schönen Gruß und respect an die drei an dieser Stelle). Dann wird hoffentlich meine mittlerweile um ein Jahr verspätete Internetseite www.CHIEFROCKER.de ins Netz gehen, für deren unglaubliche Verspätung ich mich hier nochmal entschuldige, aber ich denke das Warten sollte sich gelohnt haben... Weiterhin bin ich gerade dabei ein neues Tape zu planen, mit exklusiven Songs von Looptroop, den Visionaries, Laki von Creuzfeld&Jakob und vielen anderen Perlen, ich bin gerade dabei für Pachel (RAG) + Torch einen Titel zu produzieren "When I'm Empty I'm Quiet" und das bin ich noch lange nicht, sondern baue jeden Tag einen Beat, von denen es nur die absolut besten auf die nächste CHIEFROCKER Platte schaffen, probiere jeden Tag eine Stunde Scratchen zu üben, bin deswegen in ganzer Linie auf dem Peak meines könnens, leg ca. 2 Mal im Monat schön irgendwo meine Indi-Tracks auf, wo man mich lässt (lacht), demnächst vielleicht auch bei Euch? - Dann mach nach wie vor alle 2 Wochen meine Radioshow beim NDR und hab eh viel zu viel zu tun, als das ich hier weiter die Zeit oder Muße hätte zu prahlen, was ich so alles tolles mache...

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