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Marius No.1

Interview mit Marius No.1 für die JUICE:

Marius No. 1 - No. 1 Chief Rocker

Solange ich Marius kenne, und das sind mittlerweile neun Jahre, musste ich ihm noch nie wiedersprechen. Umgekehrt war das sicherlich anders. Dennoch möchte ich Marius nicht als "weise" einstufen, sondern lieber als jemand, der seinen Weg gefunden hat und sich nicht von ihm abbringen lässt. Obgleich die vergangenen Jahre für Marius' Weg nicht immer leicht waren. ‚Typisch Marius' fand er stets wieder zurück auf seinen Pfad und beweist, dass keine Null hinter seiner Nummer Eins steht.

Erzähl einfach mal etwas über deine neue Instrumental-Platte, die "Owner's Manual". Was steckte für eine Motivation dahinter?

Prinzipiell ist "Owner's Manual" die dritte Platte auf Chiefrocker Records, meinem eigenen Label. Als erste Platte erschien 1998 die "Stage Tools", zusammen mit DJ Mirko. Schon damals gab es eine Menge Battletools, die aber alle nicht beinhalteten, was wir suchten, weshalb die "Stage Tools" letztlich nur für uns selbst waren. Die zweite Platte war mit MC Nandi vom Schlechten Umgang. Mir geht es viel mehr darum, jemanden persönlich abzukönnen, als dass er möglichst berühmt ist. Viele Leute reden über Freundschaft, featuren aber nach Business-Gesichtspunkten. Das neueste Projekt ist meine Instrumental-Platte, die "Owner's Manual". Als Motivation hinter der Platte steht, dass Deutsch-Rap inflatiösen Charakter angenommen hat. Worte verlieren an Wert, weil sie immer weniger Inhalte behandeln. Die Leute, die Deutsch-Rap hören, werden immer jünger. Es dreht sich darum, dass etwas passiert und nicht darum, was passiert! Ich ziehe mich in solchen Momenten lieber zurück und produziere Instrumentale, da sie eher etwas für Erwachsene sind. Anfangs probierten alle, Musik für Erwachsene zu machen, mussten aber feststellen, dass die Kinder nötig waren, um Platten zu verkaufen. Und als sie die Kinder als Fans hatten, mussten sie feststellen, jetzt, wo sie Fans haben, können sie keine Musik für Erwachsene mehr machen, weil die Kinder sie nicht verstehen würden. Und wenn die Kinder abspringen, hat man gar keine Fans mehr, weil sich die Erwachsenen mittlerweile auch abwandten. Das ist der Kreislauf, in dem wir uns momentan befinden und nur ganz schwer entfliehen können. Rap ist sehr tiefgründig, man muss eintauchen und wird deshalb noch lange keinen Grund sehen. Ich möchte Tiefen vermitteln.


Worauf hast du die Beats deiner Platte gebaut?

Jeder Beat wurde prinzipiell auf die gleiche Art und Weise gebaut, nämlich auf einer EMU SP 1200, von der ich mittlerweile zwei Stück besitze. Die SP 1200 ist ein altes, 10 Sekunden fassendes Drumcomputer-Sample-System mit einem internen Sequencer, das noch mit 12 Bit samplet. 10 Sekunden sind sehr wenig Zeit und man muss tricksen, um etwas Anständiges hinzubekommen, kann aber dennoch radikal coolen Sound machen. Ich wollte zeigen, dass man mit wenig viel erreichen kann. Für HipHop braucht man nicht viel. Durch Kreativität kann man fast alles erreichen. "Owner's Manual" enthält acht Beats, wobei der achte ein Zusammenschnitt der anderen Beats ist, versehen mit Scratches von DJ Stylewarz, Mirko Machine und The Real DJ Real. Die Platte sollte ursprünglich "Beyond Recognition" heißen, da man mit jedem Mal Hören etwas Neues findet. Hinter der ersten Wahrnehmung, die einem sofort ins Gesicht springt, steckt meistens etwas Tieferes, das den eigentlichen Sinn ausmacht. Geht man in den Plattenladen und nimmt mit, was oben auf den Regalen steht, wird man nicht die Perlen finden. Die Perlen haben eine harte Schale, müssen erst geknackt und aus den Tiefen hochgefischt werden.


Solange ich dich kenne, sind deine Beats und Sets sehr auf New York fixiert ...

Vor 10 Jahren standen alle auf englischen Sound und meinten, ich würde mit meinen New Yorker Kram nerven. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet und auch die letzten England-Fanatiker machen Deutsch-Rap mit New York Beats. Ich habe mich so gesehen nicht wirklich verändert, wenngleich ich nicht finde, dass New York gerade mit Innovation aufwartet. Jetzt, wo der New Yorker Sound gefeiert wird, ist er langweilig wie noch nie! Kalifornien hat New York den Rang abgelaufen.


Mein Fazit ist, dass in Kalifornien alle Nase lang neue, frische Leute kommen. Betrachtet man sie langfristig, flachen sie auch sehr schnell wieder ab.

Ja, das ist aber immer so! Die erste Platte eines Künstlers ist frisch und man kann auf mehr gespannt sein. Desto mehr er veröffentlicht, desto mehr probiert er, den anderen zu gefallen. Rap ist nichts, was gefallen sollte. Kreativität ist unter anderem ein Verzicht auf ‚gefallen wollen'. Man muss sich über die Meinung der Leute hinwegsetzen, denn das ist die Vorraussetzung, um einen eigenen Stil zu finden. Man schafft eigene Dinge, auch wenn andere sie gar nicht hören wollen.


Deine Sendung "Black Traxx" auf NDR 4 wurde von Freitag auf Donnerstag Abend verlegt. Hatte das Einfluss auf die Hörerschaft?

Zum Glück ist die Sendung komplett unabhängig von der Hörerschaft. Ich arbeite beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Sendung läuft nach meinem eigenen Geschmack und das schon seit fast zehn Jahren! Mir ist es sogar ganz recht, am Donnerstag auf Sendung zu gehen, da die Leute freitags meist auf Partys abhängen. Die öffentlich-rechtlichen sind die einzigen Sender, die noch ein Spartenprogramm bringen. Die Privatsender kommen der eigentlichen Information der Menschen gar nicht mehr nach, da sie nur noch sichere Hits, von Abba bis Zappa, spielen. Bei den "Black Traxx" muss man sich entscheiden, ob man sie hören will. Sind sie vorbei, schaltet man das Radio einfach wieder aus.

Erzähl mal ein wenig über die Crew von Mirko, Stylewarz und dir!

Wir haben noch nicht einmal einen gemeinsam Namen, kennen uns nur schon seit Ewigkeiten. Meist treffen wir uns eher zufällig, wenn wir beispielsweise gemeinsam zum Auflegen engagiert sind. Jeder macht seine eigenen Sachen, was es relativ schwierig macht, sich zum Üben zu treffen. Dennoch lege ich am liebsten mit Stylewarz und Mirko auf, da sie zu den DJ's gehören, die zuhören können, während sie auflegen. Die Sets klingen dadurch häufig wie einstudiert, obwohl sie aus dem Moment entstehen.


Ihr kennt euch seit Jahren und jeder hat eine eigene Geschichte. Stylewarz und Mirko stehen heute mehr im Rampenlicht, während es um dich eher ruhiger war.

Nach Cora habe ich mich nicht um einen neuen Rapper gekümmert. In einer Zeit, in der alle noch Steinzeit-mäßig rappten, war Cora sehr gut und hat heftigste Texte geschrieben! Wie hätte ich mit jemandem unterwegs sein können, der nicht mindestens genauso gut wie Cora war? Somit hat es sich ergeben, dass ich wieder dort anknüpfte, wo ich vor der Zeit mit Cora aufhörte. Warum ist es in Deutschlands Medienlandschaft so schwer, sich als DJ einen Namen zu machen, wenn man nicht der DJ einer Rap-Band ist? Aber das wird sich eh' ändern, weil 2001 das Jahr des DJ's ist! (Marius lacht.)


War die Trennung von Cora nicht auch eine sehr schwere Entscheidung für dich, wenn man bedenkt, dass du keinem sicheren 40-Stunden-Job nachgehst?

Härter war es, Cora ziehen zu lassen. Sie wagte gerade den Schritt in die Industrie. Diesen Schritt habe ich immer befürwortet, nur musste er gut überlegt sein. Es ist wichtiger, mit wem man diesen Schritt wagt, als wohin man geht. Nicht das Gewässer, auf dem man fährt, sondern das Schiff und der Kapitän sind wichtig. Cora legte den Kapitän fest. Ich trat die Reise nicht mit an, da ich Steuermann und kein kleiner Matrose sein wollte. Ich blieb lieber in Hamburg, wo täglich viele Schiffe ein- und auslaufen.


Kennt ich die jüngere Generation noch aus der Zeit von Marius No. 1 & Cora E?

Woher sollen Leute, die heute zwölf Jahre alt sind, wissen, was vor zehn Jahren war? Die Frage ist, ob sie es wissen wollen. Man muss die Vergangenheit kennen, um den Augenblick zu verstehen. Das ist in der Musik nicht anders als im Alltag.


Stell dir vor, du sitzt in einer ruhigen Minute da und bilanzierst. Was geht dir durch den Kopf?

Man darf seine Zeit nicht verschenken! Man sollte seine Zeit einteilen, einen Plan aufstellen, was man schaffen möchte, und diesen Plan verfolgen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mich über andere zu ärgern, die in meinen Augen nicht das Richtige taten. Dabei habe ich völlig vergessen, selbst das Richtige zu tun. Im Augenblick trete ich mir selbst viel in den Arsch und stelle viel Neues her. Es ist wichtiger, Dinge zu produzieren, die gut sind, anstatt die schlechten Dinge der anderen zu unterdrücken.


Sascha Weigelt

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