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Marius No.1

Marius No.1- "Sand im Getriebe der Industrie"
von Stefan Hülsemann
(MK Zwo Magazin November 2000)

Seit ich das erste Mal mit Marius No.1 in ein Gespräch verwickelt wurde, kenne ich ihn als jemanden, der unablässig und mitunter auch lautstark seine Meinung zum Besten gibt. Sei es nun privat oder in einem Interview. Denn zum Diskutieren gibt es für Marius immer eine Menge Anlässe. Dabei ist doch alles so einfach, denn worum es Marius bei all diesen Diskussionen immer wieder geht ist Hip Hop.

Hip Hop in seiner ureigensten Form, als etwas raues, unberechenbares. Etwas was sich in keine Vorgabe dieser Welt pressen lässt. Etwas, was heute, in Zeiten in denen Hip Hop zu einer unaufhörlich sprudelnden Geldquelle geworden ist, gar nicht mal so einfach ist. "Ich persönlich mag die rohen Sachen lieber. Bei denen niemand im Hintergrund steht und sagt :´Diesmal wäre es schon geil, wenn Du doppelt so viele Platten wie beim letzten Mal verkaufen würdest. Es wäre schon toll, wenn Du das Geld, was ich für dich ausgegeben habe auch wieder einspielen würdest.`

Dieser ganze Rattenschwanz der da mit dranhängt, wenn man den erst mal verinnerlicht hat und sich eingesteht, das man Teil der Maschine ist, dann kann man nicht mehr so tun, als ob die Maschine mit Sand im Getriebe laufen würde. Und dieser kranke, ursprüngliche Hip Hop Sound ist nun mal Sand in dem Getriebe der Industrie-Maschine. Sand den eine Hip Hop Maschine z.B. braucht, denn eine Hip Hop Maschine muss knirschen beim laufen. Wenn das nicht knirscht beim Laufen, dann hast Du das Gefühl, Pudding zu essen oder so. Aber Hip Hop ist etwas radikales. Etwas, wobei Du das Gefühl hast, du isst gerade rohes, ätzendes Biokorn, das jeden Tag mit pisse gedüngt wurde. Da kannst du nicht reinbeißen, weil du sonst Angst haben musst, das dir die ganze Fresse flöten geht. So müsste es eigentlich sein. Aber das Hip Hop Brot von heute ist ein Pudding, den du ohne zu kauen gleich in den Magen schieben kannst."

Das man sich mit solchen Ansichten nicht nur Freunde macht, war Marius No.1 von Anfang an klar. Als erstes bekam er das damals bei Cora zu spüren, als sie ihren Major-Vertrag unterschrieb. Das ging sogar soweit, das sich die Wege trennten. Cora suchte sich einen neuen DJ und Marius zog sich etwas zurück. Auf die Frage ob er sich trotzdem noch mal vorstellen könnte mit ihr zusammen zu arbeiten, sagt er:` Jederzeit. Ich bin ja kein nachtragender Arsch. Ich habe ja nicht aufgehört, mit Cora zu arbeiten, weil ich sie nicht mehr mag. Es ist nur so, dass ich ihr Umfeld in dem sie arbeiten möchte, nicht mehr schätzen kann, weil es mir dieses Umfeld unmöglich macht mich zu bewegen." Das war aber nicht das einzige Mal, das sich Wege trennten.

Schaut man sich die größeren Hip Hop Veranstaltungen in Hamburg an, fällt einem auf, dass ein Name, im Gegensatz zu früher, fehlt. Warum sollten ein Jan Mangels, Andre Luth oder Ale Dumbsky mit mir zusammenarbeiten? Ich hab mit denen alle mal zusammengearbeitet und kenn die alle auf eine gewisse Art und Weise. Aber wir haben die Zusammenarbeit alle wieder sein lassen. Erstens bin ich nicht jemand der sich kontrollieren lässt, zweitens weil ich von ihnen enttäuscht bin. Wir sind alle mal aneinander geraten, weil ich das Gefühl hatte, das jemand mit den Sachen, die ich mache Scheiße baut. Das passiert. Aber wenn derjenige dafür nicht gerade steht und nichts dagegen unternimmt, auch wenn ich ihn darauf hinweise, dann kann ich das nicht akzeptieren ("I´m hard to work with ´cause your hard to work with"- Kool Keith...) . Zum Anderen glaube ich, das ich der Einzige von all denen bin, der die Ansichten die wir mal hatten oder vorgaben zu haben, noch vertritt. Der Idealismus ist schon lange tot" Ja, für Marius No.1 ist Hip Hop noch immer diese rebellische Kunstform, die sich jedem Trend entzieht und nur ein paar eingeweihten wirklich zugänglich ist. Ähnlich den Shaolin Mönchen und ihrem Schaffen, das man zwar sehen kann aber selten wirklich begreift. In dem Momont wo alle wissen, oder glauben zu wissen, was es ist, verliert Marius das Interesse. Und da Marius No.1 DJ ist, betrifft das auch natürlich die Platten, die er sich kauft und auch auflegt.

"Für mich ist es so, dass ich ein Erstlingswerk tausend mal geiler finde, als das was meist danach kommt. Bei der ersten Maxi von jemanden weiß man häufig noch nicht was es ist und wo es herkommt. Man denkt sich nur: Wow! Beim Erstling sind alle noch motiviert und machen was sie wollen. Da haben sie noch den Biss zu sagen, das gehört so. Aber bei den Folgewerken habe ich immer öfters das Gefühl, dass die merken, wie der Hase läuft. Und ab da wird es für mich immer uninteressanter." Denn das Feeling, die Ambitionen die hinter einer Platte stehen, oder einfach nur das Umfeld in dem sich eine Sache bewegt, ist Marius viel wichtiger, als das Produkt, was dabei herauskommt.

Ihm geht es darum, das man spürt, warum ein Künstler eine Platte gemacht hat. Das man spürt, was hinter der Platte steht. Deshalb nennt er auf seiner neuen Platte auch einen Song "Beyond recognition, was soviel wie "Jenseits der Wahrnehmung" bedeutet. "Es gibt etwas, was mit den Sinnen nicht wahrgenommen werden kann, aber dennoch da ist, analysiert und perfektioniert werden kann. Das sind die Dinge wo es richtig geil wird, denn hinter der Wahrnehmung passieren die richtig coolen Sachen.

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